Kintsugi – die japanische Kunst, gesprungene oder zerbrochene Keramik zu reparieren. Ein langer Lebensweg heisst, dass hier und dort was abgeblättert ist, ein Riss, eine alte Wunde. Das Leben hinterlässt Spuren. Wie bei einer Teeschale oder einem oft benutzten Gefäß aus Porzellan. So etwas zu reparieren bedarf einer Kunstfertigkeit und der Wertschätzung.
Kintsugi ist die Kunst, die wir uns für die Verwundungen und Risse unseres Lebens zueigen machen könnten. Sie versucht weder den Riss zu leugnen, noch ihn zu verbergen. Ganz im Gegenteil. Er wird mit Gold hervorgehoben. Wie geehrte, sichtbare Linien auf Lebenslandkarten, wie die schönen Falten in alten Gesichtern.

Der Prozess des Kintsugi für die gesprungenen Keramiken ist aufwendig und kompliziert. Es braucht Fachkenntnis. Es wird in mehreren Schichten gearbeitet. So wird es auch bei uns nicht ruckzuck gehen, denn die Geschichten-Schichten wollen gesehen, befühlt, gewusst sein. Die einzelnen Teile der Geschichten wollen eingesammelt, geglättet, zusammengefügt und ergänzt werden. Dann gibt es ein neues Ganzes in neuer Schönheit. Dann, wenn die Risse sichtbar, geehrt, vergoldet sind. Das geschieht, wenn es uns was wert ist. Dann bekommt es Zeit, Hingabe, unsere Kreativität und kostbares Material – das Gold.
Das Gold an Stellen unserer Lebensgeschichten sichtbar machen, wo es Risse gibt. Es ist die tätowierte Rose, dort, wo eine Verletzung war. Sie rankt sich um die Narben. Es ist das Liebesgedicht an mich, als ich mir gar nicht gefallen habe. Es ist die Pleite, die ich im Lebenslauf erwähne samt den wichtigen Erfahrungen, die mein Scheitern mir gebracht haben. Neues Leben eingehaucht, sichtbar gemacht, vergoldet.
Die gebrochene Schale, mein Leben mit all seinen Rissen und Brüchen, mit den verlorenen Teilen, mit den Wunden und Narben. Im Makel die Schönheit gelebten Lebens sehen. Leben, Körper, Formen sind fehlerhaft, vergänglich, sie werden alt und wandeln sich. Unser Leben ist, wie die Teeschale, einzigartig und kostbar – nicht trotz, sondern wegen der Risse und des scheinbar Unperfekten. Ich spreche ihm einen tiefen Wert zu, genau deswegen.
