Eine alte Geschichte

Möglicherweise sind die Künste mit all dem, was gerade gesehen, bezeugt und gewandelt werden will, mehr denn je gefragt. Es ist ja ein recht eigenartiges Gefühl, wenn im Raum steht, dass man nicht systemrelevant ist. Was für eine Aussage. Das betrifft im Moment einige, die das wahrscheinlich auch nicht von sich gedacht hätten. Ich möchte schon ganz gerne eine Relevanz haben für die Gemeinschaft, egal in welchen Zeiten. Ein bisschen empört bin ich da schon. Ich glaube an die Bedeutung der Künste in solchen Zeiten wie jetzt. Die Künste haben was zu bieten. Mit den Mitteln der Kunst, mit der Schöpfungskraft, der Kreativität können gesellschaftliche Wunden aufgezeigt werden und es steckt ein großes Erneuerungspotenzial drin. Dieses kreative Potenzial steckt in allen, das ist nicht wenigen vorbehalten. Dafür wären die Künste geeignet – der Wahrheit die Türe zu öffnen, den Fragen den Weg zu ebnen, Imbalancen sichtbar zu machen, Finger in soziale Wunden zu legen, heilsam zu wirken und noch so manches. Weil vieles nicht gerne gehört wird und doch so wichtig ist, es zu sagen, habe ich eine Geschichte erinnert, deren Ursprung ein jüdisches Märchen ist und die von vielen Storyteller*innen, in vielen Varianten erzählt wird.

Es war einmal eine sehr alte Frau, die durch die Welt zog. Sie hatte nicht mehr dabei als notwendig. Alles an ihr war einfach. Es war ein mühsames Unterwegssein und ihre Füße schmerzten, denn sie war schon eine ewig lange Zeit unterwegs. Irgendwann kam sie in eine kleine Stadt. Da sie müde und hungrig war, ging sie zum ersten Haus und klopfte an. Ein junger Mann öffnete: „Was willst du?“ „Oh, ich bin eine Durchreisende und ich hoffe, dass du ein bisschen Essen mit mir teilst oder etwas zu trinken.“ „Nein, ich habe nichts für dich.“ Die Türe fiel zu. 

So versuchte sie es beim nächsten Haus. Aber die Antwort war dieselbe. Und ebenso beim nächsten und nächsten und nächsten. Schließlich war sie so müde und hungrig, dass sie sich auf einer kleinen Bank niederlegte, um Kraft zu sammeln. 

Da hörte sie den Klang eines galoppierendes Pferdes. Sie schaute auf und sah auf der großen Straße, die in die Stadtmitte führte ein mächtiges, schwarzes Pferd kommen und oben saß eine gut aussehende junge Frau mit einem langen, fließenden Umhang. Sie war kostbar gekleidet, in leuchtenden Farben und edlem Schmuck. 

In dem Moment begann sich in allen Häusern etwas zu regen und alle Fenster flogen auf. Frauen und Männer lehnten sich heraus, um die Ankunft der jungen Frau zu sehen. Alle grüßten sie voller Freude und Respekt. Sie trugen Karaffen mit dem besten Wein heraus und Teller voll mit ihrem besten Käse und anderen Köstlichkeiten in großen Mengen und sie stritten sich, wer der jungen Frau zuerst etwas geben durfte. 

Die alte Frau war nicht begeistert. Sie wartete, bis die Menge weg war. Dann machte sie sich auf den Weg zu der jungen Frau auf dem Pferd. Obwohl sie so jung aussah, schien sie der alten Frau dennoch alt, vielleicht sogar im gleichen Alter wie sie selbst oder älter, obwohl das ziemlich befremdlich war. Sie zupfte an ihrem prächtigen Umhang, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.
Die junge Frau schaute herunter. „Ja?“
„Entschuldige – bist du die Königin?“
„Ich? Die Königin? Nein, ich bin nicht die Königin.“
„Oh!“
„Warum fragst du?“
„Hm“, sagt sie, „als ich hierher kam, habe ich an all diese Türen geklopft und nicht ein Mensch hat mir auch nur das Geringste an Essen gegeben oder auch nur ein Lächeln geschenkt. Und du, du bist gekommen und sie haben sich darum gestritten, wer dir die besten Dinge geben darf, die sie haben. Da wollte ich wissen, wer du bist. Wie ist dein Name?“
Die junge Frau sagt: „Ah, das ist es. Mein Name ist Story. Überall wo ich hinkomme, wollen mich die Leute sehen und sie wollen hören, was ich zu erzählen habe. Und ja, ich bin alt, sehr alt. Aber je älter ich werde, desto strahlender scheine ich zu werden und umso lieber sucht man meine Nähe. Nun sag du, du bist so schlecht behandelt worden. Wie ist dein Name?“
„Hm,“ sagt die Alte, „mein Name ist Wahrheit. Wenn ich wo hinkomme gibt es kein Willkommen, niemand will mich sehen und niemand will hören, was ich zu sagen habe. Die Leute verschließen ihre Türen vor meiner Nase, sie schauen weg oder beschimpfen mich.“

Die junge Reiterin dachte einen Moment nach und sagte:
„Siehst du mein schönes, großes Pferd?“
„Ja, ich sehe es.“
„Und siehst du meinen langen, fließenden Umhang?“
„Ja,“ sagte sie.
„Du kannst dich hier unter meinem Umhang verstecken und wir können zusammen durch die Welt reisen und wenn ich zu essen bekomme, bekommst du zu essen und wenn ich Wein bekomme, bekommst du Wein.“
„Das ist eine großartige Idee,“ sagte die alte Frau. „Und wenn es hilfreich ist, dann werde ich mich sogar zeigen, in eines deiner Gewänder gekleidet und geschmückt mit einer deiner Juwelen.“
„Das ist eine großartige Idee“, sagte die junge Frau.  

Seitdem wird auch die Wahrheit willkommen geheißen, wenn sie sich zeigt, gekleidet in das schöne Leuchten von Geschichten. Und deshalb findet sich auch in jeder Geschichte ein bisschen Wahrheit, manchmal versteckt, manchmal leuchtend schön.