Textiles Verwertschätzen

Drei weitere Gewandgeschichten erzählen davon, was sich ergibt, wenn Gewandteile so lange leben, dass sie mit uns eine Beziehung haben. Das gehört zu meinem Projekt „Keine neuen Klamotten mehr kaufen“ – Flohmärkte, Second Hand-Orte, im Tausch, flicken und nähen, Neukreationen finden …

Gwandwandel – für die Verwertschätzung von Textilem

Das Bayrisch-Hindukuschgewand | Aus dem Fernen Osten kam einst ein Gewand. Es war die Verbindung von Alpen und Hindukusch. Sie hat bis heute Bestand. Das Gewand ist weit gereist, es ist mehrmals in Richtung aufgehender Sonne unterwegs gewesen, über viele Grenzen, immer wieder zu seinen Wurzeln hin. Aus einem Kleid ist irgendwann einmal ein Mantel geworden. Das Gewand ist so alt, es kennt unzählige Zeiten des Säens, Zeiten des Winterschlafs in Schrankhöhlen und Zeiten des Wachsens und Reisens und Erntens. Es weiß, dass alles ihre Zeit hat und diese Zeiten nicht gleichzeitig sind. Wenn die Bärin Richtung Westen in die kommende Dunkelheit blickt und den Herbst begrüßt, weiß sie, dass hinter ihr im Osten die Sonne aufgeht. Und wenn sie die Samen verstreut, ist sie sich der Ernte im Herbst gewiss. Alles zu ihrer Zeit. Davon erzählt und daran erinnert mich das Bayrisch-Hindukusch-Gewand.

„Oh wie zauberhaft!“ So sind wir zusammengekommen, die chinesische Blütenbluse und ich. Zu selten wurde sie getragen, weil sie zu schön und viel zu zauberhaft schien für alltägliche Verrichtungen. Sogar zum Verschenken war sie zu schade. Man hätte sie besingen können und befühlen und ihren Duft einatmen, der frühlingszart im Raum schwebte. Sie wurde so lange gehütet, bis sie schließlich zu eng geworden war. Einzig ein beherzter Schnitt machte es möglich, dass sie ihre Bestimmung fand. Als Tasche auf einem Kleid, als Teil einer Schürze und in diesem Bild. Ab da verströmte sie sich, aufgeteilt und sehr lebendig und im ganz normalen Leben angekommen.

Ich hatte nichts Großes vor mit ihr. Sie war eine Tasche und ich kam mir mit ihr immer ein bisschen vor wie meine eigene Großmutter. Für Vintage war sie zu jung und bis „kultig“ war es ein weiter Weg. Andererseits erregte sie Aufsehen, weil man mich ihr nicht zutraute. Es war dieser kleine Bruch, der verstörte. „Warum sind die beiden zusammen?“ mag man sich gefragt haben. Ich mochte sie, weil sie praktisch war und stabil. Also ein recht pragmatischer Beziehungsansatz meinerseits. Ihr Innenleben war rot, fast verrucht und ganz anders als ihre Aussenwirkung. Als sie wegen ihres Alters nichts mehr tragen konnte und sich die Hülle auflöste, begann der Weg des roten Inneren – eine Applikation hier, ein Collageteil da … es fand viele neue Verbindungen und Orte. Geblieben ist das Innere auf neuen Wegen. Schau an.