Wieder mal die Närrin

In ungeheuerlichen Zeiten rufe ich gerne die Närrin. Ihre Verrückungen und unsere Verrücktheiten könnten uns vor dem Wahnsinn bewahren. Närrin-Impressionen zu unserer Welt und unserer Gesellschaft wehen her. Geht es darum, zu bezeugen, was geschieht: Mit staunenden Augen, alles für möglich haltend, vielleicht das Sterben der alten Welt zu bezeugen?

Oder darum, dem Geschehen zu begegnen wie die heiligen Clownsleute einstmals den Pockengeistern, dem Bedrohlichen, Unsteten begegnet sind? Furchtlos, allem ins Auge schauend, verhandlungsbereit, weil sie fähig waren, mit all dem zu tanzen und auch mächtige Chaos-Spieglerinnen waren?

Die Närrin hat kein leichtes Spiel bei uns. Bis dahin, dass sie als Delegitimiererin gebrandmarkt wird, vom Verfassungsschutz beobachtet und sanktioniert, wenn sie ihren Job macht – unangenehme Fragen stellen, Wahrheiten aufdecken und aussprechen, infragestellen von Machtverhältnissen und Systemen etc. Das ist ihre Aufgabe. Den Finger dorthin legen, wo Imbalancen sind, wo ein System kippt, wo was vertuscht wird. Je wahrer es ist, desto eisiger werden ihr die Winde um die Ohren wehen. Es braucht die Närrinnen, viele, auf dass sie in uns aufsteht und sichtbar wird. Vielleicht sprechen wir unterschiedliche Wahrheiten aus, das ist egal, wichtig ist, dass es geschieht und neue Sichtweisen, klare Blicke, Wahrheiten hinter den verkauften Narrativen offengelegt werden. Es darf verrückt, kreativ, ungewöhnlich, provokativ, poetisch, wild sein, je nachdem wie wir ticken und was zu uns passt.  

Anfangen will ich hier, vor Ort, bei ganz banalen Dingen und von dort will ich ins Weltgeschehen hineinfühlen. Was finde ich ungeheuerlich in meiner Welt hier vor Ort? Was finde ich irr? Welche Orte? Die gigantischen Supermärkte beispielsweise oder Parfümerien. Früher hießen die Einkaufsläden mal „Konsum“ oder „Kaufhalle“. Das waren ehrliche Namen. In den Shopping Malls mit den gefühlt kilometerlangen Regalen und der Berieselung gibt es von allem zu viel. „Von allem zu viel“ gehört zum Irrsinn. In solchen Jagdgründen fühle ich mich immer überfordert.

Die Närrin erforscht dort das Jagen, Sammeln, Erwerben, Konsumieren und vergleicht es mit früheren Zeiten. Sie baut den Supermarkt um, füllt dies und das in Flaschen und Dosen und verkauft Gefühle und Ängste, die nicht auf der Produktbeschreibung aufgeführt sind und scheinbare Heilmittel. Eine seltsame Trancemusik läuft und sanfte Stimmen lullen alle ein. Es ist eine Art Hypnoseveranstaltung und an kleinen Probierständen werden Drogen angeboten. Beim Hinausgehen legt sie schnell ein Aufwach-Manifest in die Taschen. Dort stehen auch ungeheuerliche Sachen, andere halt, von denen sie sich so einiges verspricht an „Aha“.

Dann die Parfümerien, etwas andere Jagdgründe. Düfte, Wässerchen, Kosmetik. Versprechen von Jugend und Schönheit, von Erotik und Liebe. Verlorene Eigengerüche. Vor allem kein Wildnisduft, nichts Strenges wie Bär oder Bärlauch. Clean ist es und künstlich. Totgeduftet. Was parfümieren wir weg? Lebensdüfte, Wildnatur, Mondblut, Natürlichkeit, Eigensein …
Wie riechen Lebenssaft und Herzfeuer? Die Närrin hat eine Flasche dabei und sie wird sie öffnen, auf dass es in alle Gefäße einsickert, rauchig, feurig, streng, eigen, natürlich.

Sie selbst riecht nach Erde und Schlamm mit einem Hauch von Moschus, also wie eine Wildsau, zu der sie eine besondere Beziehung hat. Allein der Geruch macht sie in der Parfümerie verdächtig, aber wegen ihres Aussehens traut sich niemand was zu sagen. Sie weiß, wie sie sich die Närrinfreiheit sichert.