Es geht weiter mit der Närrin, ich mache ein poetisches Tagebuch mit ihr und heute ist es eine Art Spiegel unserer „Jagdgesellschaft“, von der ich ein Teil bin.
Die Närrin schickt mich auf einen Jägerstand. „Für den Überblick“, sagt sie.

Ich klettere hinauf, etwas unsicher, wie eine, die eigentlich nur schauen wollte und plötzlich merkt: Es wird ernst. Von hier oben sehe ich alles. Oder zumindest denke ich das – was schon die erste Täuschung sein könnte. Mäuse huschen durch das Unterholz, Hasen gestaltwandeln und können sich unsichtbar machen, Beeren und saftige Blätter bieten sich verlockend an und lassen offen, ob es mir bekommt.

Bei Tag scheint alles klar sortiert. Bei Nacht wird es komplexer. Die Närrin leiht mir ihre Augen. Das ist keine Verbesserung. Plötzlich sehe ich viel mehr und sehr Befremdliches. Ich sehe Jagden. Überall Jagden. Im Unterholz hetzt jemand dem neuesten „Must have“ hinterher. Diese Beute ist vergleichsweise leicht zu erlegen, wenn genug Geld als Köder ausliegt. Über die Lichtung jagt jemand einem besonders großen, schillernden Erfolg hinterher. Und im Gebüsch sitzt wer und wartet darauf, Anerkennung zu erbeuten. Der Tag wird lang und die Jagderkenntnisse unübersichtlich. Und all das in dem Wissen, dass ich ein Teil davon bin.

Es sind nicht nur die anderen, auch mein Jagdfieber meldet sich. Es ist ein leises, aber hartnäckiges „Mehr“. Mehr sehen, mehr wissen wollen. Das eine schneller wollen, das andere intensiver. Gibt es da eine innere Jägerin, die nicht satt wird, weil sie vergessen hat, wie sich „satt“ anfühlt? „Was jagst du?“ fragt die Närrin. Ich will antworten: „Das Richtige.“ Aber das klingt sofort verdächtig. Also schaue ich genauer hin.
Manche Jagden sind offensichtlich, andere ziemlich subtil. Welche jagen der Macht hinterher, was leichter zu durchschauen ist, denn sie stampft laut durchs Gelände und hinterlässt große Fußabdrücke. Oder der Ruhm, er trägt Glitzer und ist auch nachts nicht zu übersehen. Geld riecht nach Metall und Angst, da braucht es die gute Nase.
Und dann gibt es die feinen Jagden. Die, die sich tarnen. Die Jagd nach spirituellem Wissen zum Beispiel. Sehr schick. Sehr gebildet. Man sitzt dabei oft im Lotussitz und tut so, als würde man nichts wollen – während man innerlich das nächste „Erleuchtungserlebnis“ anvisiert wie eine gut trainierte Scharfschützin. Ich räuspere mich. Das ist mir jetzt etwas peinlich. Die Närrin bleibt entspannt, sie hat keinen Ruf zu verlieren, sie will nur, dass ich ehrlich hinschaue. „Alles, was wir entdecken ist gut“, sagt sie, „Was ist darf sein, was sein darf, wandelt sich. Dieses „Was ist“ braucht uns nicht zu gefallen.“ Es wird Nacht und im Dunklen geht die Post ab.

Wir jagen viel mehr, als wir brauchen. Nicht nur, weil wir gierig sind, sondern weil wir hungrig bleiben. Das meiste macht nicht satt. Es knackt schön zwischen den Zähnen, glänzt im Sonnenlicht, fühlt sich kurz richtig an – und hinterlässt dann dieses leise: „War das alles?“ So geht es allen Drogenleuten.
Die Närrin sagt: „Vielleicht bist du nicht nur Jägerin.“ Das gefällt mir gar nicht. Es ist überhaupt eine blöde Situation auf dem Jägerstand. Und doch – hinschauen. Wo lasse ich mich treiben, hetzen, jagen? Von wem, von was, von welchen Ängsten, von welchen Emotionen? Wo werde ich zur Beute? Wo flüchte ich?
Ich schaue wieder in den Wald. Die Tiere jagen auch und sehr anders. Die Wölfin nimmt, was sie braucht, die Eulen und die Mäuse ebenso. Niemand hortet und wenn, dann ist es der notwendige Vorrat für den Winter. Niemand prahlt. Niemand macht ein Selfie mit seiner Mahlzeit. Es gibt das richtige Maß, das nichts mit Verzicht zu tun hat. Es ist ein tiefes Einverständnis mit dem Leben.
Ich brauche Lehrerinnen. Gute Lehrerinnen. Vielleicht haben sie Fell. Oder Federn. Oder Wurzeln. Vielleicht beginnt mein Lernen damit, weniger zu wollen. Und genauer zu schauen.
Ich sitze auf dem Jägerstand, mit den Augen der Närrin, und spüre: Die schwierigste Jagd ist nicht nur die nach der richtigen Beute, sondern auch die nach dem richtigen Maß. Und die Närrin? Sie schickt mich immer mal auf den Hochsitz, was natürlich verboten ist, damit ich sehe, wie viel ich eigentlich gar nicht brauche.
