Eine Bushaltestelle im Nirgendwo. Weit weg von den Dörfern. Wer hierher will, muss wollen – einen Kilometer entlang der Straße, auf der nichts anhält. Warten. Stehen. Die Sitzbank ist zerbrochen. Ein Brett fehlt, ein anderes kippt. Den ganzen Tag warten. Warten wird nicht besonders hoch geschätzt. Es produziert auch nichts, außer vielleicht Erkenntnis. Und zu viel Erkenntnis ist nicht erwünscht.

Die Närrin führt mich in das verfallene Bushäuschen und ich warte. Nicht abgeholt werden – das kennen wir. Nicht vom Bus, nicht von der Politik, nicht vom Geschehen, nicht von Versprechen, nicht von denen, die behaupten, irgendwo gäbe es einen Plan. Nicht mitgenommen werden. Und irgendwo, weit weg von hier, wird gerade beschlossen, dass alles besser wird. Die Närrin findet das Bushäuschen passend. Lost place – ein scharfer Spiegel.
Es ist, als ob ich den Geist des Ortes höre, aber vielleicht ist es nur der Wind. Früher gab es hier Stimmen. Ein „Guten Morgen“, ein „Wie geht´s?“, Kinderstimmen. Und Busse, die halten, weil jemand wartet. Die Bank war ganz. Es wurde diskutiert über Politik, über Preise, über das Wetter. Und irgendwer hatte immer einen Kaugummi übrig.

Es hingen Zettel hier, viele. Gesuche, Angebote, welche mit Fragen und manch ein Hoffnungszettel. Auch sie sind verweht, fragmentiert. Fetzen. Zettelreste, halb abgerissen, halb vergessen. „Suche…“, „Biete…“, „Wer hat gesehen…?“ Die Sätze hören auf, bevor sie ihre Geschichte erzählen. Vom Regen verwischt, vom Wind zerfleddert. Die Närrin liest die Fragmente laut vor wie Gedichte. Es hat was von Dada. Oder von Out of Rosenheim oder es ist mal wieder Stanger than Paradise. Wie in einem absurden Film und doch wirklich. Die Närrin lockt hin zum unverstellten Blick auf Zustände.

An ungewöhnlichen Orten seltsame Dinge tun, das ermöglicht das Tiefenspüren.
Die Närrin hat mich eingeladen, hier Zeit zu verbringen. Wären Wladimir und Estragon hier, könnten wir wenigstens gemeinsam auf Godot warten. Hoffen, warten. Bei jedem Bus, der vorbeifährt die Hoffnung, dass er hält, dass das Mitfahren möglich ist. Wenn der Tag die Nacht umarmt erkennen, dass es eine Illusion ist. Hier wird nie ein Bus halten. Nicht heute, nicht morgen. Vielleicht hat er nie gehalten, vielleicht war auch das nur eine Erzählung, die sich gut angehört hat. Die Närrin setzt sich auf die nicht vorhandene Bank. „Weißt du“, sagt sie, „das ist das Praktische an Narrativen: Du kannst immer einsteigen und mitfahren. Oder nicht. Oder eigene Geschichten entwickeln.“
Was ist ein guter Umgang mit all dem? Die verlorenen und vergessenen Orte neu und anders bespielen, sie einnehmen, für Erkenntnisse nutzen, sie umwidmen, sie ehren, ihre Geschichten heben und neue erzählen, Wahrheit sprechen, dem Geist eines Ortes eine Stimme geben, nichts schönreden, den Ort markieren, unübersehbar, beherzt und einfallsreich, mit Farbe, mit Präsenz, mit Gedichten – zum Hinschauen, Wahrnehmen, Erinnern, Visionieren.

Interessant ist, dass alle aus dem Dorf, die ich frage, aus welchem Dorf denn da jemals wer hingegangen ist, nicht wissen wovon ich rede. „Welches Bushäuschen?“ „Weiß ich jetzt nicht, was Du meinst.“ „Keine Ahnung“. Ich werde doch nicht in einem Geisterhäuschen gewesen sein?