„Wertstoffhof“ sagt es eigentlich schon. Stoffe, die etwas wert sind, Dinge, die kostbar sind und doch abgeschrieben. Wenn sie am Wertstoffhof landen, wurden sie entsorgt und sind uns nichts mehr wert. Die Beziehung ist beendet, der Toaster ist riskant geworden, der Stuhl wackelt zu oft oder passt vom Design her nicht mehr. Wertschätzung ade. Entsorgen – dafür gibt es die riesigen Behältnisse, die Sorgen aufnehmen. Unsere Materialsorgen. Manchmal sind die Sorgen der einen die Schätze der anderen. Ich mag Müll, Kehricht, Second Hand. Schätze im Müll finden, gute Antworten im Kehricht-Orakel. Verwertschätzungen.

Die Närrin lädt mich ein, einen Tag auf dem Wertstoffhof zu verbringen. Natürlich tut sie das. Närrinnen wissen, wo die Wahrheit wohnt, zwischen Elektroschrott und Altholz. Es sind Unmengen, die in die Entsorgungscontainer wandern. Von allem zu viel – hier wird es wieder sichtbar. Auch bei mir ruhen viel zu viele Material-Leichen im Keller. Eigentlich nicht nur da. Überall, in jedem Schrank, in jeder Schublade. Das macht mir immer mal Sorgen und ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Zum Glück werden es nicht mehr Leichen, aber sie loszuwerden ist Arbeit und teuer ist es auch. Auf dem Wertstoffhof gibt es eine Gebührenordnung für mein schlechtes Gewissen. Ich kann mich freikaufen. Moderner Ablasshandel. Heilig ist anders, aber weil ich es sage, ist es auch nicht ganz scheinheilig. Sie gut weiterzugeben ist schwierig. Da braucht es Zeit, Anfragen, verschiedene Orte und Leute. Bei manchen Teilen finde ich, dass ich es ihnen schuldig bin und deshalb dauert es so lange. Schließlich haben sie gewärmt, gekocht, geleuchtet, gespeichert, genervt, beglückt. Es ist eine seltsame Mischung, wir besitzen so viel und verabschieden uns so schlecht. Die fehlende Trauerkultur ist zu spüren, aber das beleuchten wir ein anderes mal.
Und wenn ich dann was aus dem Müll hole und es neu belebe, dann ist das wie eine Wiedergeburt für das Teil. Also, was tun? Weniges, das ich wertschätze? Flicken, anarchische Textilereien, etwas reparieren, oder in gute Hände weitergeben, wenn unsere Beziehung zu Ende geht? Die Materialleichen würdig verabschieden und dreimal überlegen, bevor ein neues Teil bei mir einzieht? Weil es um eine tragende Beziehung gehen soll, könnte ich mal mehr Atem in die Überlegung und den Erwerb geben und nicht so beherzt Ja sagen wie bei weiteren Katzen. Schwierig, schwierig.
