Ruhen

Die Närrin führt mich an Orte, die vom „Einstmals“ erzählen. Orte, die ihre Aufgabe, ihre alte Funktion nicht mehr erfüllen müssen. Die ruhen. An denen es still geworden ist. Die Natur beginnt, diese Orte einzunehmen. Die Wildnis kommt langsam näher und überwuchert Gewesenes. Sie kriecht durch die Ritzen im Beton und schiebt sich durch zerrissene Plastikplanen. Regen und Wind tun das ihre dazu. Es ist eine Art Nullpunkt – alles ausgeatmet. Das Alte ist nicht mehr, Neues ist noch nicht da. „Wirf Samen“, sagt die Närrin, „es ist eine gute Zeit dafür.“

Meint sie auch meine Innenräume? Und die Zeiten, wenn nichts mehr funktioniert, warum auch immer? Soll ich dann bereit sein für die Wildnis, die darauf wartet, die aufgegebenen Orte neu zu beleben? Auf was kann ich mich gefasst machen? Dem Ganzen Zeit geben, Atem. Wie den abandend places. Zeit, um das Gewesene auszuatmen und Zeit, um das Neue wachsen zu lassen.

In der Blumenschule, meinem großen alten Seminarort herumstromern. Still Point. Als hielte der Ort den Atem an. An Leitern ranken sich Pflanzen hoch, Bretter werden zernagt, Plastik zerfällt. Hier noch eine Schaufel, dort ein alter Leiterwagen. Das Nichtgeschehen bezeugen. Es ist der Nullraum, der zur Närrin gehört. Der Raum, aus dem sich etwas Neues gebiert. Meist verweilen wir dort nicht so leicht. Und doch, wenn etwas die Zeit bekommt, um stillzustehen und alles auszuatmen, dann ist der Boden bereitet für neue Wege. Ruhen können, warten können. Die Samen des Neuen werden zuerst in uns keimen, bevor wir das Erblühen im Außen erleben. Es braucht den Atem.