Spieglein, Spieglein an der Wand

was darf ich sehen von meinem Land? Manchmal was ganz anderes, als ich erwartet habe oder worauf ich Lust habe. Es ist morgens und ich stehe vor dem Spiegel, sehe mich, den Raum hinter mir. Und lese den Lippenstiftsatz auf meinem Spiegel. Ich bin die Heldin meines Alltags. Wen, was sehe ich im Spiegel? Mich, meine Schatten, mein Potenzial? Ich klopfe die Lehnswörter zu Spiegel ab. Da kommt Schattenbehälter, Schattensehen. Schatten und Spiegel werden mit demselben Wort bezeichnet. Das ist mir neu. Das Selbstsehen im Spiegel, das Sehen der Seele. Die Furcht vor Selbstverzauberung gab es auch, gar nicht so undumm … Spieglein, Spieglein an der Wand weiterlesen

Sommerkinderzauber

Es ist die Sommermädchenzeit. Im Zuge des mich Verjahreszeitens, widme ich ihr die kommenden Monde. Was ist ihre besondere Weise, die Welt zu betrachten, im Leben zu sein, was ist ihre Medizin? Was gehört jetzt in den Sommer? Was davon kann ich mir einladen, was leben? Sommerleicht trägt sie vieles, spielend begegnet sie den Umständen. Den Regentagen zum Beispiel. Sie zieht ihre Schuhe aus und hüpft durch die Pfützen, sie juchzt dabei und bespritzt ihr buntes Kleid. Sie weiß, dass es Waschmaschinen gibt und gäbe es sie nicht, wäre es ihr auch egal, weil der Moment einfach so prickelnd ist. … Sommerkinderzauber weiterlesen

Eine Schale voller Sommer

Zur wetterwilden Sonnwende habe ich heute morgen eine Schale voller Sommer gefüllt. Weit weg ist der Winter dieses Jahr, weil der Frühling schon vor so langer Zeit ins Land gezogen ist. Warme Sommerwinde wehen heute. Ein Tag für das Boot, den See, die Esel, das Feuer in der Nacht. Ich fülle eine Schale mit Rot, mit Sonne, Kirschen, Johannisbeeren, Klatschmohn. Schmetterlinge und Hollerkircherl, Kindheitserinnerungen an klebrige Puderzuckerfinger, barfuß über sandige Dorfwege schlendern, Eis essen, in die Wolken schauen, Zeit vergessen. Das ist Sommer für mich. Katzen und Pferde, die wilden Tiere, Fell, Haare, Sinnlichkeit, rubinroter Granatapfelsaft, Heuduft und Blumen im … Eine Schale voller Sommer weiterlesen

Zwei Trommeln und das Heilige

Aus dem Altai habe ich eine ganz besondere Trommel mitgebracht, sie ist so eigen und geheimnisvoll, so superheilig und schön und besonders und und und – und sie hat ein paar kleine Nachteile, sie reagiert auf minimale Luftfeuchtigkeit und hängt dann wie ein nasses Handtuch rum und so hört sie sich dann auch an. Wie im Moment bei dem rauhen Wildwetter. Groß ist sie und schwer und sie ist reiseunlustig. Weil ich auf die Trommelfaxen jetzt keine Lust mehr habe, gibt es eine zusätzliche. Eine aus Plastik, Vollplastik. Sie sollte eine Nebenbeisicherheitstrommel sein. Ohne weitere Ansprüche. Dann kam sie. Groß … Zwei Trommeln und das Heilige weiterlesen

Begegnungszeit in der Sperrmüll-Lounge

Bei Carmen Hauptmann und Menni Bachauer, ganz alten Freunden, in der Galerie Webams. Über zwanzig Jahre Künstlerweg verbindet uns, gemeinsame Ausstellungen, viele Lesungen und Performances, die ich dort gemacht habe. Mennis Skulpturen anschauen, das Überraschungskonzert von beiden geniessen, Erinnerungen, Begegnungen an einem meiner ganz wichtigen künstlerischen Wurzelorte. Dort hat viel angefangen. Wie schön, dass sich die Galerietüren nach einer längeren Pause wieder geöffnet haben und einmal im Monat in der Sperrmüll-Lounge – die alles andere als so aussieht – ein Kunst- und Ratschtreff möglich ist. Begegnungszeit in der Sperrmüll-Lounge weiterlesen

Traumschachtel

Der Postbote bringt mir manchmal ganz Aussergewöhnliches. Eine Schachtel zum Träumen und Spielen mit Fundstücken von der Nordsee zum Beispiel. Es ist eine Überraschungsschachtel mit Steinen, Federn, Strandgut, zwei Flaschen – die eine mit Meerwasser und die andere mit Nordostwind. Der hohe Norden weht und spielt sich jetzt hier in meinen Südgarten. Sommer, Spielen, Südmädchen. Einmal hat jemand gesagt, ich kann es mir nicht leisten zu spielen. Ich finde, ich kann es mir nicht leisten nicht zu spielen. Das ist bestes Brennholz für die Winterfeuer. Es braucht jetzt die langen Tage, um dem Üppigen genug Raum zu geben. Alles wuchert, … Traumschachtel weiterlesen

Alltagslied – Heiliglied

Weitergesponnene Grenzverwischung. Im Schmarrnbuch beschreibe ich eine stinklangweilige Situation bis ins kleinste Detail. Eine Stunde Wartezimmer. Ich beginne vor allem die Geräusche wahrzunehmen und zu beschreiben, weil für´s Auge nichts geboten ist. Klingelton, die Stille der Leute, Räuspern. Geräusch vom Umblättern der Zeitschriften. Schuhe, tok, tok, tok, draussen Autogeräusche. Rattanstühle, die nicht knarzen. Durchsage – Frau XY, bitte Wartezimmer zwei. Dezentes Plop der Glastüre. Ich höre ein Alltagslied. Es trägt mich auf einmal fort, die Geräusche lassen mich in seltsame Gefilde reisen, Zeit verschwimmt. Tut, Tut, Klingelton, Stöckelschuh, Klack, Handtaschen-Zipp, Tastatur, Klingel, Mülltonnenrattern, sechsmal über den Hof, Plop, Schneuzen, Wasserspenderblubbern, rrrit, … Alltagslied – Heiliglied weiterlesen

Die Träumerin im Westen

Die schwierige Westpassage – unsere Gesellschaften, die so viel Mangel haben an Initiationsweisheit, an Trauerkultur, an Ältesten … wir erahnen, erspüren, gehen über die Schwelle der Schamanin, machen uns auf, die heiligen Träume unserer AhnInnen ans Feuer zu bringen. Starke Winde kommen auf, die den Regen mitnehmen. Die Blumen auf dem Salat bleiben, ebenso wie das reiche Dessert. Das freut das Sommermädchen. Die Träumerin im Westen weiterlesen