Im Wind

Es braucht viele Wunsch- und Segens-, Gebets- und Freudenfahnen, die im Wind wehen. Wie Blüten im Wind, wie Lebensfreudeblumen. Ich schmücke den Lebensraum wie für ein Fest und jedes Bild und jede Wunschfahne soll gute Gedanken, Friedensrufe, Dank und Samen in die Winde fliegen lassen, damit sie auf dem Rücken des Windes in die Welt reiten. So wie bei den tibetischen Gebetsfahnen oder den Hagazussenbändern in den Bäumen. Es sind viele Wunschbilder – Textiles, geschrieben, gemalt, belacht und beweint, gerufen, daran geglaubt, vertrauend, besungen, hinausgeatmet. Die Winde mögen sie in die Möglichkeitsräume des Morgen bringen. Im Wind weiterlesen

Ein früher Herbst

Er deutet sich heuer an. Es ist Sommer und die Endlichkeit liegt in der Luft. Gerade weil es heuer ein früher Herbst ist, zeigt sich der alt werdende Sommer deutlicher und früher. Und doch ist es noch so warm und üppig. Wie ist sie denn, die Sinnlichkeit der alten Königin, der Sommer der Silberfüchsin? Wie sieht all das aus? Es sind die Füße, die über die Wiese laufen, die über die ersten Stoppelfelder gehen. Füße, die weit gegangen sind. Da sind die Jahrzehnte alten Hände, die viel gehalten haben, viel berührt, gewirkt, gewiegt, losgelassen. Wie tanzen wir den alten Sommer? … Ein früher Herbst weiterlesen

Die Silberfüchsin

Mein neues Buch zum Schwarzmondfeuer ist da. Es hat sich seltsamerweise in den Sommer hinein geboren. Ich freue mich über jedes Buch, das in die Welt geht und sage DANKE. Ich werde älter und ich bin sterblich. Meine Haut wird runzlig, Falten durchziehen mein Gesicht, Silbersträhnen leuchten. Die Schönheit und Würde des Alters, wo finde ich sie?Warum nicht die Altersspuren einfach hinnehmen und den Bildern von alt und faltig meine eigenen entgegensetzen, um die Lust am Älterwerden zu nähren? Wenn der Jahrmarkt des Jugendwahns ruft, einfach nicht hingehen. Das ist heilsam!Altes Leben ist getränkt mit Lebensberührung, mit Jahren, wie altes … Die Silberfüchsin weiterlesen

Krähenkrächzen

Eine seltsame Geschichte – meine Stimme krächzt und dann ist sie ganz weg und es schleppt sich so dahin mit der Besserung. Ich mache alles und es scheint fast egal zu sein, ob ich was mache oder es lasse und auch was oder auf welchen Ebenen. Schweigen ist das einzige, das hilft. Eine kluge, junge Gefährtin sagt augenzwinkernd: „Du weist eben leibhaftig auf die Präsenz der Stille hin, die hinter all den Worten die Fäden zieht und die Welten verwebt.“Vielleicht ist es manchmal einfach so ein Satz, der es weit macht, anders, der etwas verrückt. Das macht es leicht, hineinzugehen … Krähenkrächzen weiterlesen

Schenken

Als ich mich in jungen Jahren dem patriarchalen Kunstmarkt verweigert habe, ging es viel um Kunst als Gemeingut. In mir gab es das Bild, dass wir alle das tun, was wir können, was uns leicht fällt und Freude bereitet. Ich war mir sicher, dass das Leben in unserem „Dorf“ auf diese Weise gut läuft. Damals habe ich gehört, dass es Kulturen gibt, die kein Wort für „Arbeit“ haben. Frei und willig wirken und wissen, dass es gesehen, gefragt, wertgeschätzt ist. Unseres schenken – kein Tausch, kein Verkauf. Schenkökonomie. Nun im höheren Alter will ich alte Wege neu gehen und meine … Schenken weiterlesen

Das Küchengefüge

Zu jeder Tageszeit tauchen Schattenbilder auf. Morgens ist es der Schatten von Bastet, der Katzengöttin und von Santa Muerte. Sie sind zur Frühstückszeit da und erzählen zu Beginn des Tages von Sinnlichkeit und Lebensfreude und von der allgegenwärtigen Tödin. Die Schattenblätter vom Baum vor dem Haus tanzen dazu. Es sind die Sommerschatten. Im Herbst sind sie verschwunden. Da kommt dann etwas später am Morgen der Schatten des Besens vor dem Fenster. Und im Winter werden die Küchenschatten abstrakter mit den klaren Kanten der Teekanne und den kahlen Zweigen. Gerade in Zeiten von weltengroßen Geschehnissen und Bildern überall bringen mich die … Das Küchengefüge weiterlesen

Biographie-Ritual

Alte Bilder aus jungen Jahren wieder herausgeholt. Jahrzehnte später darauf geschaut. Neubewerten. Manch Wertvolles entdecken, weil der Blick es in größere Zusammenhänge stellen kann und weite Lebensbögen überblickt. Manch anderes zurechtrücken. Über das Schwarz-Weiß von früher legt sich gold-oranger Schellack. Es wird weicher. Das Schwarz wird tiefer dadurch und der Blick auf die Ränder wird schärfer. Immer wieder der beherzte Schnitt. Die Schere schneidet scharf, wie der Blick. Ich mag auch das anschließende Papiertonnen-Ritual. Die Teile, die ich entfernt und losgelassen habe in die Tonne leeren. Dann das Geräusch, wenn ich sie auf die Straße rolle. Das, was ich nicht … Biographie-Ritual weiterlesen

Die Collage

Sie gefällt mir, sie ist wild und trashig und eine gute Sammelstelle für lose Teile, die sich neu zusammenfinden und beheimaten wollen. Sie entzieht sich, eigentlich die ganze Zeit während des Gestaltens. Sie fordert Abstand ein, um sie zu verstehen und einzutauchen in ihre Geschichte. Das intuitive Herangehen ist gefragt. Ein bisschen wie eine schamanische Mesa machen – ewig lang Teile herumschieben, ausloten, verwerfen, dranbleiben, bis es stimmig wird. Die Collage passt in unsere Zeit. Die Collage weiterlesen

Ruhezeit, Buchzeit

Für meine digitale Welt ist es gerade Winterzeit. Sie braucht Ruhe und es gibt keine Impulse, keinen Ruf. Es ist still, als läge Schnee über allem und irgendwo weit weg funkeln die Sterne. Das Frühlingserwachen kommt irgendwann. Vielleicht liegt es daran, dass ein Buch übers Altwerden, Altsein, über Ältestenschaft und alte Feuer ruft. Es ist Buchmachzeit. Sie braucht viel Feuerholz und Herzblut. Damit es sich in den Herbst hinein gebiert, schenke ich ihm alle Aufmerksamkeit, sammle, schreibe, frage, horche. Das Altfeuerbuch hat über den Winter Kraft gesammelt und jetzt im Frühling mit hellem Grün herausgespitzt. Ich nähre es, damit es … Ruhezeit, Buchzeit weiterlesen

Was es braucht

Wenn die Weisen Alten einen Rat abhalten. Die Roggenalte, Ahnfrauen, eine Alte im Blutgewand, die alte Spinnenfrau, die Stammmütter, sie alle versammeln sich ums Feuer. Die Wanderalte spürt in die Nacht hinaus. Sie beginnen zu beratschlagen. Darüber, was es für Auswirkungen hat, wenn die Alten nicht mehr geehrt werden, wenn niemand mehr was vom Schenken versteht und Frieden ein Projekt im Kopf bleibt, wenn das Wissen um Würde verlorengeht und überhaupt über diese Zeit mit all den schwierigen Wegen und Zerwürfnissen. Jetzt sei es endgültig genug, befinden sie einstimmig. Sie beschließen, dass es an der Zeit ist, Feuer zu entzünden, … Was es braucht weiterlesen