Die Nähzeit ist eingeläutet

Die Nähzeit braucht, genau wie Buch- oder Medizinschrankmachen freies Feld, keine Termine, kein Telefon, viele Tage ohne irgendwas. In diesen Freiraum hinein entfaltet es sich. Nähzeit ist für mich eine sehr besondere, rituelle Zeit. Flicken gehört dazu, häkeln, sticken, knüpfen, spinnen, weben und nähen. Ich flicke die ganzen Teile, die sich seit dem Frühling im Korb sammeln. Etwas wieder zusammenfügen, erneuern, wieder brauchbar machen. Wilde Gewandexperimente gibt es auch. Heute verwerte ich alte, zu klein gewordene Teile, die ich besonders mochte und mache aus mehreren ein neues Kleid. Flickenhaft und asymmetrisch wird es, weil ich von keinem Stoff genug habe. … Die Nähzeit ist eingeläutet weiterlesen

Medizinschrank

Werkprozess Medizinschrank. Er steht seit Jahren im Speicher, ein hübsches Schränkchen von einer alten Tänzerin, das auf Umwegen zu mir gekommen ist. Es hat Blessuren, ist lackiert und deshalb nicht leicht zu überarbeiten. Ich liebe gutes Handwerk und bin selber eine richtige Pfuscherin. Der einzig gangbare Weg war der in die Kunst. Es wird jetzt ein Kunstobjekt – Medizinschrank. Er wird die kostbaren Medizinen in sich aufnehmen und hüten. Die Dose mit den Sommergeschichten, die Flasche mit dem Nordwestwind und das Nordmeerwasser. Den Liter Glückseligkeitsprosecco, eine Spezialmarmelade, Kräuterkugeln, Hüftgold und Danziger Goldwasser von meiner Großmutter. Wurzelsalz ist auch dabei und … Medizinschrank weiterlesen

Novembergeburtstag

Meine Großmutter wollte nicht, dass ich ein Allerheiligenkind werde. Also habe ich gewartet und bin am dritten gekommen. Es war mir egal, Hauptsache, die Percht ist meine Patin. Die Großmutter, die Percht und ich waren zufrieden und nun sind fünf Jahrzenhnte vergangen. Vor einem Jahr, zum 49ten Geburtstag habe ich einen Nullraum betreten, habe alles ausgeatmet, die Bilder von mir, von der Welt, meinen Namen. Ein Raum, der frei macht, in den hinein ich für einen Moment alles losgelassen habe. Dieses Jahr bin ich an einen Transition-Ort gegangen. Übergangszeiten, so kommt es mir vor, letztes Feuer vor der Grenze, das … Novembergeburtstag weiterlesen

Mich beheimaten

Die schamanische Kraft im Alltag, die geheiligten Alletage erlebe ich, wenn ich angekommen bin, ganz da bin, mich beheimatet fühle – in meinem Körper, in den Jahreszeiten, in meinem Leben, an dem Ort, an dem ich bin. Dann erfahre ich Lebendigkeit. Wenn ich nicht mit den Gezeiten gehe, mich nicht verjahreszeite, unverwettert bin, dann erlebe ich, wie anstrengend es wird. Dieses In-Verbindung-Gehen beheimatet mich. Ein feiner Duft weht her, wenn ich in Begegnung gehe, mich austausche – mit den Dorfkatzen, den Steinen, Bäumen, der Nachbarin, mit meinen Zellen, den Ahnen, mit der Nacht, dem Igel oder der Wirtin. Dann bin … Mich beheimaten weiterlesen

Ahnenfest und ein Tanz mit der Schamanenahnin

Zeit, um den Ahnenaltar zu bestücken, um Staub zu wischen, oder umzugruppieren. Die Motten sagen es ja auch. Meine Ahnendecke hervorholen und mit ihnen feiern. Mit den Ahnen, nicht den Motten. Es gibt die Speisen, die sie besonders mochten, den Hollersaft und Bier für die bayrische Linie. Ahne ist ein weibliches Wort, ich spare mir also das „innen“. Kunterbunt liegen ihre Bilder auf dem Kästchen, manche bemalt, andere einfach so. Es liegen all diejenigen da, die mich stärken. Meine Ahnenboote putze ich auch und gebe Blüten, Gebäck und Beeren dazu. Das andere Boot belade ich mit Düften und Singsang. Beide … Ahnenfest und ein Tanz mit der Schamanenahnin weiterlesen

Hallo Motten

Sie sind wieder da, die Textilmotten, mitgebracht in einem Filz aus Kirgistan. Sie waren länger weg und sie jetzt wieder aufgetaucht. Ich habe sie in meiner Wolle gefunden, noch sind es nicht viele und doch bringen sie mir ihre ganz besondere Botschaft. Sorgfältigkeit. Ich werde ja nicht gefragt, ob mir die Botschaften gerade ins Konzept passen. Ich habe die dunklen Ecken und vielen Dinge im Haus vernachlässigt im Sommerlaune-Reise-Arbeitsherbst. Es braucht Zuwendung. Hüten, pflegen, überschaubar und handhabbar machen. Die Materie, die ich anhäufe sichten und sortieren. Das Ausweiten überprüfen und vielleicht gesundschrumpfen. Sortierstation Herbst, diesmal auf der ganz materiellen Ebene, … Hallo Motten weiterlesen

Windbewegte Rückzugszeit

Weil es gar nicht so einfach ist, sanft in den Winterschlaf zu gehen, mache ich es wie früher. Im Wald herumstromern, mit den fallenden Blättern spielen und mir ein Nest bauen. Rascheln, Windgesänge, mich mit Laub zudecken und schauen, wie sich die Blätter zu mir herunter tanzen. Mich einhüllen lassen, die Höhle aufsuchen, in die Falten des Erdschoßes sinken. Herbst – Zeit, die heiligen Träume der Ahninnen zu träumen. Mich hineintragen lassen ins Zwielicht, in die Antworten hineinleben, sie erträumen – dafür mache ich in den kommenden Monaten den Raum auf. Mich langsam vom Tun im Aussen verabschieden. Über den … Windbewegte Rückzugszeit weiterlesen

HerbstZeitLos

Tanz-heilige Feuer-Kunsttage im frauen museum wiesbaden klingen fein, bunt, lebendig nach. Beste Nahrung für die Wintertage. Jetzt beginnt meine Innenzeit, der langsame Rückzug Richtung Winter. Und weil ich mich nach einer intensiven Arbeitszeit auf das freie Land vor mir so freue, mache ich meist gleich To-Do-Listen und Herbstfeuerpläne. Alles, was ich jetzt machen will, ganz besondere Dinge, alles auf einmal am besten, ganz viel ganz heiliges Zeug, alles, was ich geschoben habe, all die Treffen, Kinofilme, Konzerte, Spaziergänge, alle Bilderideen umsetzen und ganz ganz viele Gewänder nähen, dichten und singen und auch meditieren, zu Amma fahren und zum Einkaufen und … HerbstZeitLos weiterlesen

Der, dessen Name man nicht sagen durfte

Zum Thema altersmilde werden. Ich zeige dir jetzt jemand, der meine Verfassung sehr durcheinander bringen konnte. Sein Name war lange tabu. Und weil ich ja an mir arbeite, wie du sicher auch an dir, kann ich ihn jetzt nennen. Georgie. Und sogar ein Bild zeige ich von ihm. Gut, ein bisschen habe ich rumgekrikselt und reingeschmiert. Er ist ein Rassekater, was uns Katzen ja komplett wurscht ist, und mein Nachbar. Durch mich durfte er viel lernen, zum Beispiel wie man sich zurücknimmt und anderen nicht auf die Nerven geht. Oder, dass man nicht in fremde Gärten spritzt. Ich spritzte noch … Der, dessen Name man nicht sagen durfte weiterlesen

Erleuchtungspfade

Ich – mit Selbstauslöser. Cambra ist in Wiesbaden – trägt was vor, tanzt ein bisschen und hängt abends wahrscheinlich mit Kim und Beatrixe in Spelunken rum. All das kratzt mich nicht, weil ich altersmilde werde, das ist schön. Es tut meinen Nerven gut. Der Weg zur Erleuchtung führt direkt über das Dösen in der Herbstsonne, entspanntes Atmen, wenn sich Gäste im Garten tümmeln wie Igel, Vögel oder andere Katzen und langes Schauen in den blauen Himmel. Ich muss auch nichts mehr werden, was ich nicht eh schon bin. Ein Blindenhund zum Beispiel, sie gefallen mir. Letzthin hat mal jemand gesagt, … Erleuchtungspfade weiterlesen