Mich treiben lassen am Nebelsonntag

Sonntagsdynamik. Nebel und Langsamkeit, keine Pläne. Durchs Dorf gehen, die wilden Katzen in der Scheune besuchen, sie füttern, ihnen sagen wie schön sie sind. Eine davon hätte ich gerne. Also eigentlich vier. Vermitteln kann ich sie nicht, weil sie sich nicht nehmen lassen. „Wenn ihr euch nehmen lasst, dann suche ich gute Plätze für euch,“ das sage ich ihnen jedesmal. Weiter zur Christa in die Dorfwirtschaft. Heute ist Flohmarkt, ich erwerbe zwei Jacken von Maria, alte gestickte Borten und eine Tischdecke von Gela. Ratschen mit vielen, Kaffee trinken, Brezen essen und mich dahintreiben lassen. Lilian, eine Ärztin-Heilerin aus Abchasien ist … Mich treiben lassen am Nebelsonntag weiterlesen

Unruhe glattbügeln

Bügeln, glätten, glattstreichen – Handtücher, Geschichten, Kleider, Gedanken. Zusammenlegen, falten, in den Schrank sortieren, stapeln. Da sind die Gedankengebäude, dort verschiedene Projekte, dann die T-Shirts und die Winterteile. Ich bügle gerne, eigentlich. Praktisch bügle ich selten, weil ich warte, bis der Stapel groß genug ist. Dann allerdings zelebriere ich das Bügeln. Weil ich in der Anfangsphase vom Buchmachen bin und ganz unruhig werde, wenn es nicht gleich die ultimative Layoutlösung gibt, brauche ich einen Beschäftigungswechsel. Ich finde nicht die passende Schrift, bin deshalb nicht beflügelt, will nicht stundenlang weitersuchen, werde knatschig und entscheide mich, mal wieder zu bügeln. Zum Fenster … Unruhe glattbügeln weiterlesen

Anleitung zur Kultivierung des Unperfekten

Der unperfekte Medizinschrank ist fertig. Das Schluderkleid auch. Meine kluge Mutter hat mir sehr früh Anleitungen zur Kultivierung des Unperfekten gegeben, weil sie gemerkt hat, dass ich an bestimmten Punkten nicht weiterkomme Richtung Perfektionismus. Es geht so: Nicht versuchen zu kaschieren, sondern es betonen – die Fehler, das Schiefe, Schräge, Ausgerutschte, Danebengemalte, Holprige. Es zeigen, vielleicht sogar überzeichnen. „Du schneidest immer schief,“ hat meine Mutter gesagt, „und es sieht auch verschnitten aus. Lass uns versuchen, es gleich richtig schräg zu schneiden, dann sieht es gewollt aus.“ Das hat mir gefallen. Den Strich weiterziehen, wenn ich rausgemalt habe. Ein kleines Loch … Anleitung zur Kultivierung des Unperfekten weiterlesen

Die Nähzeit ist eingeläutet

Die Nähzeit braucht, genau wie Buch- oder Medizinschrankmachen freies Feld, keine Termine, kein Telefon, viele Tage ohne irgendwas. In diesen Freiraum hinein entfaltet es sich. Nähzeit ist für mich eine sehr besondere, rituelle Zeit. Flicken gehört dazu, häkeln, sticken, knüpfen, spinnen, weben und nähen. Ich flicke die ganzen Teile, die sich seit dem Frühling im Korb sammeln. Etwas wieder zusammenfügen, erneuern, wieder brauchbar machen. Wilde Gewandexperimente gibt es auch. Heute verwerte ich alte, zu klein gewordene Teile, die ich besonders mochte und mache aus mehreren ein neues Kleid. Flickenhaft und asymmetrisch wird es, weil ich von keinem Stoff genug habe. … Die Nähzeit ist eingeläutet weiterlesen

Medizinschrank

Werkprozess Medizinschrank. Er steht seit Jahren im Speicher, ein hübsches Schränkchen von einer alten Tänzerin, das auf Umwegen zu mir gekommen ist. Es hat Blessuren, ist lackiert und deshalb nicht leicht zu überarbeiten. Ich liebe gutes Handwerk und bin selber eine richtige Pfuscherin. Der einzig gangbare Weg war der in die Kunst. Es wird jetzt ein Kunstobjekt – Medizinschrank. Er wird die kostbaren Medizinen in sich aufnehmen und hüten. Die Dose mit den Sommergeschichten, die Flasche mit dem Nordwestwind und das Nordmeerwasser. Den Liter Glückseligkeitsprosecco, eine Spezialmarmelade, Kräuterkugeln, Hüftgold und Danziger Goldwasser von meiner Großmutter. Wurzelsalz ist auch dabei und … Medizinschrank weiterlesen

Novembergeburtstag

Meine Großmutter wollte nicht, dass ich ein Allerheiligenkind werde. Also habe ich gewartet und bin am dritten gekommen. Es war mir egal, Hauptsache, die Percht ist meine Patin. Die Großmutter, die Percht und ich waren zufrieden und nun sind fünf Jahrzenhnte vergangen. Vor einem Jahr, zum 49ten Geburtstag habe ich einen Nullraum betreten, habe alles ausgeatmet, die Bilder von mir, von der Welt, meinen Namen. Ein Raum, der frei macht, in den hinein ich für einen Moment alles losgelassen habe. Dieses Jahr bin ich an einen Transition-Ort gegangen. Übergangszeiten, so kommt es mir vor, letztes Feuer vor der Grenze, das … Novembergeburtstag weiterlesen

Mich beheimaten

Die schamanische Kraft im Alltag, die geheiligten Alletage erlebe ich, wenn ich angekommen bin, ganz da bin, mich beheimatet fühle – in meinem Körper, in den Jahreszeiten, in meinem Leben, an dem Ort, an dem ich bin. Dann erfahre ich Lebendigkeit. Wenn ich nicht mit den Gezeiten gehe, mich nicht verjahreszeite, unverwettert bin, dann erlebe ich, wie anstrengend es wird. Dieses In-Verbindung-Gehen beheimatet mich. Ein feiner Duft weht her, wenn ich in Begegnung gehe, mich austausche – mit den Dorfkatzen, den Steinen, Bäumen, der Nachbarin, mit meinen Zellen, den Ahnen, mit der Nacht, dem Igel oder der Wirtin. Dann bin … Mich beheimaten weiterlesen

Ahnenfest und ein Tanz mit der Schamanenahnin

Zeit, um den Ahnenaltar zu bestücken, um Staub zu wischen, oder umzugruppieren. Die Motten sagen es ja auch. Meine Ahnendecke hervorholen und mit ihnen feiern. Mit den Ahnen, nicht den Motten. Es gibt die Speisen, die sie besonders mochten, den Hollersaft und Bier für die bayrische Linie. Ahne ist ein weibliches Wort, ich spare mir also das „innen“. Kunterbunt liegen ihre Bilder auf dem Kästchen, manche bemalt, andere einfach so. Es liegen all diejenigen da, die mich stärken. Meine Ahnenboote putze ich auch und gebe Blüten, Gebäck und Beeren dazu. Das andere Boot belade ich mit Düften und Singsang. Beide … Ahnenfest und ein Tanz mit der Schamanenahnin weiterlesen

Hallo Motten

Sie sind wieder da, die Textilmotten, mitgebracht in einem Filz aus Kirgistan. Sie waren länger weg und sie jetzt wieder aufgetaucht. Ich habe sie in meiner Wolle gefunden, noch sind es nicht viele und doch bringen sie mir ihre ganz besondere Botschaft. Sorgfältigkeit. Ich werde ja nicht gefragt, ob mir die Botschaften gerade ins Konzept passen. Ich habe die dunklen Ecken und vielen Dinge im Haus vernachlässigt im Sommerlaune-Reise-Arbeitsherbst. Es braucht Zuwendung. Hüten, pflegen, überschaubar und handhabbar machen. Die Materie, die ich anhäufe sichten und sortieren. Das Ausweiten überprüfen und vielleicht gesundschrumpfen. Sortierstation Herbst, diesmal auf der ganz materiellen Ebene, … Hallo Motten weiterlesen

Windbewegte Rückzugszeit

Weil es gar nicht so einfach ist, sanft in den Winterschlaf zu gehen, mache ich es wie früher. Im Wald herumstromern, mit den fallenden Blättern spielen und mir ein Nest bauen. Rascheln, Windgesänge, mich mit Laub zudecken und schauen, wie sich die Blätter zu mir herunter tanzen. Mich einhüllen lassen, die Höhle aufsuchen, in die Falten des Erdschoßes sinken. Herbst – Zeit, die heiligen Träume der Ahninnen zu träumen. Mich hineintragen lassen ins Zwielicht, in die Antworten hineinleben, sie erträumen – dafür mache ich in den kommenden Monaten den Raum auf. Mich langsam vom Tun im Aussen verabschieden. Über den … Windbewegte Rückzugszeit weiterlesen